Die Mafia ist unsichtbar im Strassenbild von Palermo. Aber man weiss, dass sie da ist. (Bild: Goran Basic / NZZ)

Die Cosa Nostra mordet heute weniger, macht dafür aber mehr Geschäfte

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Die sizilianische Mafia ist trotz zahlreicher Verhaftungen und Verurteilungen noch lange nicht besiegt.

Totò Riina, der «Boss der Bosse», ist vor einem Jahr in Haft verstorben. Seither hat sich die sizilianische Mafia neu organisiert. Die Macht hat sich dabei von den seit den achtziger Jahren dominierenden Corleonesi zurück zu den traditionellen Clans aus Palermo verlagert. Wie kürzlich bekannt wurde hat sich das sagenumwobene Führungsgremium der Cosa Nostra, die Cupola, im Mai zum ersten Mal seit der Verhaftung Riinas 1993 wieder getroffen. Dabei haben die Bosse laut den Ermittlern die Tradition und die alten Regeln beschworen und mit Settimo Mineo den Ältesten aus ihren Reihen zum neuen obersten Boss gewählt.

Kurzer Auftritt für den Boss

Der 80-jährige «Onkel Settimo» besitzt eine Juweliergeschäft im Herzen Palermos, kontrolliert einen der grossen Mafia-Bezirke der Stadt und hat sich durch lange Gefängnisaufenthalte innerhalb der Organisation Respekt verschafft. Er gilt als geschickter Mediator, und so ist es ihm offenbar gelungen, die alte Garde wie auch die jüngere Generation von Bossen für sich zu gewinnen.

Settimo Mineo, fleissiger Kirchgänger und Mafia-Boss, nach seiner Verhaftung. (Igor Petyx / ANSA via AP)

Die Cosa Nostra war immer sehr hierarchisch organisiert, und Mineo will nach einem Machtvakuum wieder Einigkeit und Disziplin schaffen. Er ging dabei ausgesprochen vorsichtig vor. Nach Aussen hin gab er sich als reuiger Sünder. Er besuchte jeden Sonntag die lokale Kirche, in welcher der Pfarrer die Mafia offen kritisierte. Und er half als Freiwilliger in einem kirchlichen Projekt sogar Kindern bei den Hausaufgaben.

Um nicht abgehört werden zu können, benutzte Mineo kein Telefon und ging zu Fuss zu Verabredungen mit den alten Kumpanen. Andere Bosse waren jedoch weniger vorsichtig. Einer prahlte gegenüber seinem Fahrer gar über das Treffen der Cupola, und so erfuhren die Carabinieri davon. Nach monatelanger Überwachung wurden Mineo und 45 weitere mutmassliche Mafiosi Anfang Dezember schliesslich verhaftet.

Für die Cosa Nostra war dies ein schwerer Schlag. Der Erste war es nicht. Polizei und Justiz haben ihr in den letzten Jahren mit Untersuchungen und Prozessen schwer zugesetzt. Viele Mafiosi der alten Garde sitzen lange Haftstrafen ab. Durch Konfiskationen von Immobilien, Firmen und anderen Vermögenswerten wurden die Clans zudem auch finanziell geschwächt.

Dem Umfeld angepasst

Laut Experten ist die Cosa Nostra allerdings noch lange nicht besiegt. «Die Mafia ist auf Sizilien weiterhin stark und hat sich an das veränderte Umfeld angepasst», betont Carmelo Petralia, der Anti-Mafia-Oberstaatsanwalt von Catania. «Erleichtert wurde dies auch durch einen Generationenwechsel. Die alte Garde wurde vielerorts abgelöst. Zudem sind neben den traditionellen Familien neue aufgestiegen. Während die Cosa Nostra in Palermo noch immer eine hegemonistische Position einnimmt, kommen in anderen Gegenden zudem auch neue Unternehmer hinzu, die der Mafia nicht offiziell angehören, aber mit ähnlichen Methoden arbeiten».

Diese neue Mafia übt keine spektakulären Morde und Attentate mehr aus, sondern macht Geschäfte. In erster Linie geht es darum, die Milliarden, die sie etwa mit Drogenhandel, mit illegalem Glücksspiel und Online-Wetten verdient, in die legale Wirtschaft einfliessen zu lassen. In den wohlhabenderen südöstlichen Provinzen Siziliens, für die Petralia zuständig ist, tut sie das seit einigen Jahren mit grossem Erfolg.

Corleone war eine Zeit lang das Gravitationszentrum der Mafia.
(Bild: Tony Gentile / Reuters)

«Die neue Front in diesem Krieg ist der Kampf gegen die Infiltration der Mafia in unsere Wirtschaft», erklärt der Staatsanwalt, der seit 25 Jahren auf dem Gebiet tätig ist. «Im Gegensatz zu blutigen Gewalttaten ist sie nicht sichtbar und deshalb schwieriger zu bekämpfen». Die modernen Mafiosi investieren, wo immer sie können – in die Agroindustrie, in Baufirmen, Banken, Hotels und Restaurants. Nicht immer tun sie dies über eigene Firmen. Oft stecken sie ihr Kapital auch in «saubere» Unternehmen, die legalen Geschäften nachgehen.

«Wir haben es längst nicht mehr mit ungebildeten Kriminellen zu tun, sondern mit einem Netz höchst professioneller Geschäftsleute», erklärt Alessandro Sorrentino, ein junger Kollege von Petralia. «Die Mafia wirbt heute die besten Manager, Anwälte, Steuerberater und IT-Spezialisten direkt von den Universitäten ab. Und sie hat elaborierte Systeme von Deckfirmen geschaffen».

Kapital auch in der Schweiz

In Palermo, wo die Mafia seit über 150 Jahren präsent ist, sind in den letzten Jahrzehnten stärkere Antikörper entstanden. Hier kann man relativ gut zwischen Mafia-nahen Personen und anderen unterscheiden. In Catania und anderen Städten im Osten sind die Grenzen hingegen fliessender. Viele Leute aus der guten Gesellschaft stecken hier mit der Cosa Nostra unter einer Decke. Dies macht die Arbeit für die Ermittler sehr schwierig, erklärt Sorrentino. «Die organisierte Kriminalität investiert ihr Kapital aber auch in sauber wirkende Firmen im Ausland, insbesondere auf Malta, auf britischen Inseln und in der Schweiz. Da wird es für uns noch komplizierter, die Spur zu verfolgen».

Auch früher hatte die Mafia auf diese Weise ihr Geld gewaschen. Die Summen haben sich in den letzten Jahrzehnten aber vervielfacht, und gleichzeitig ist die lokale Wirtschaft mit der Krise anfälliger geworden. Wer kurz vor dem Bankrott steht, fragt oft nicht nach, woher das Geld kommt, das man ihm anbietet. Und wer keine Aussicht hat, Arbeit zu finden, ist eher bereit, einen schmutzigen Job zu übernehmen.

Die beiden Staatsanwälte sind skeptisch, was ihren Sieg über die organisierte Kriminalität angeht. Pessimistisch stimmt sie vor allem, dass diese auch Politik und Verwaltung infiltriert hat und vielerorts politischen Schutz geniesst. «Ohne die Hilfe von Politikern würde die Mafia nicht lange überleben. Dann wären sie gewöhnliche Kriminelle», stellt Petralia fest. Vor allem die lokale Politik hält oft ihre schützende Hand über die Mafiosi und bevorzugt diese bei Baubewilligungen, Lizenzen und öffentlichen Aufträgen. Diverse Gemeindeverwaltungen mussten in den letzten Jahren wegen Mafia-Infiltration aufgelöst werden.

Ein kulturelles Problem

Paolo Borrometi ist einer von wenigen Journalisten, die solche Skandale aufdecken. Er kann sich deshalb seit Jahren nur noch mit Polizeieskorte bewegen und musste Sizilien wegen Morddrohungen verlassen. Er spricht von einem kulturellen Problem. «Bis heute wird die Mafia in Sizilien zu wenig ernst genommen. Damit spielen wir ihr in die Hände», kritisiert er. «In Palermo gibt es mittlerweile etwas mehr Widerstand. Sonst wird aber vielerorts so getan, als gäbe es keine Mafia mehr. Dabei bestimmt diese weiterhin jeden Aspekt unseres Lebens!»

Die ermordeten Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino (rechts), abgebildet auf einer Hausfassade am Hafen von Palermo. (Bild: Goran Basic / NZZ)

In allen Bereichen – Wirtschaft, Politik, Medien, Kirche und Gesellschaft – fehle es an Bewusstsein und Engagement, kritisiert auch der Aktivist Armando Carta. «Die wenigen, die sich gegen die Mafia wehren, sind isoliert und damit sehr viel verletzlicher». Zusammen mit rund einem Dutzend Gleichgesinnten hat der Beamte 2013 die Organisation «Scorta Civica» (zivile Eskorte) gegründet. Anfangs ging es vor allem darum, Solidarität mit Nino Di Matteo zu demonstrieren, dem Staatsanwalt, der den historischen Prozess über den Pakt zwischen dem Staat und der Mafia führte. Mittlerweile engagiert sich die Organisation an diversen Fronten, um die Mitbürger aufzurütteln und jenen zu helfen, die bedroht werden.

«Wir feiern die ermordeten Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino heute als Helden. Stattdessen sollten wir lieber unsere Justizvertreter bei der Arbeit unterstützen, solange sie noch leben», ereifert sich Carta. «Auch Falcone und Borsellino hatten zu ihren Lebzeiten einen einsamen Kampf geführt und ihr Tod war deshalb vorprogrammiert».

Die Mafia sei noch immer ein riesiges Problem, doch kaum jemand unternehme etwas dagegen, kritisiert der Aktivist. Die Ignoranz und das Desinteresse mache ihn wütend. «Wir müssen unsere Mentalität schleunigst ändern. Die Sicherheitskräfte und die Justiz leisten grossartige Arbeit. Doch können sie uns alleine nicht von diesem Übel befreien. Dazu wäre ein tiefgreifender kultureller Wandel nötig».

Die meisten zahlen weiterhin Schutzgeld

spl. Fabrizio führt seit 2002 eine Tankstelle beim Hafen von Palermo. Die Mafiosi waren gleich im ersten Monat bei ihm aufgetaucht, und der ausgebildete Chemiker zahlte jahrelang Schutzgeld an die Clans im Viertel. Die Empfänger wechselten über die Jahre. Die Praxis blieb immer dieselbe. «Sie kamen an Weihnachten und an Ostern», erzählt der 47-Jährige. «Als Kleinunternehmer ohne Angestellte musste ich jeweils 500 Euro bezahlen». Fabrizio sagt, er habe gewusst, dass die anderen auch bezahlten. Gesprochen darüber habe aber keiner. Er selbst erzählte nicht einmal seiner Frau, dass er den «Pizzo» bezahlte. «Ich schämte mich. Aber ich hatte auch grosse Angst. Und vor allem dachte ich, ich hätte keine andere Wahl».

Bis 2017 die Bosse seines Bezirks verhaftet wurden und ihn die Carabinieri vorluden, weil er auf ihrer Liste stand. Sie fragten den Tankwart, wer bei ihm den «Pizzo» eingezogen habe und da brach es aus ihm heraus. Er vertraute dem Carabinieri-Kommandanten, der ihn verhörte. Dieser brachte ihn später in Kontakt mit «Addiopizzo», einer Organisation, die Opfern beisteht und Konsumenten für das Thema zu sensibilisieren versucht.

Fabrizio ist im Prozess gegen den Mafia-Clan als verletzte Partei aufgetreten. Seit letztem Jahr zahlt er kein Schutzgeld mehr und bisher hat er weder Ärger bekommen noch Kunden verloren. «Ich hätte nie gedacht, dass sich dieses Problem lösen lässt», erzählt der zweifache Familienvater noch immer etwas ungläubig. Laut Salvo Caradonna von «Addiopizzo» ist Fabrizio aber kein Einzelfall. In anderen Gegenden Siziliens könne es bis heute gefährlich sein, sich gegen die Mafia aufzulehnen. In Palermo müsse man aber kaum mehr mit Konsequenzen rechnen, sagt er. «Gewerbetreibende, die sich uns hier angeschlossen haben, hatten keinerlei Probleme. Durch Aussagen von Justiz-Kollaborateuren wissen wir, dass die Cosa Nostra unsere Leute bewusst in Ruhe lässt, weil sie keinen Ärger, das heisst keine Anzeigen, riskieren will».

Umso erstaunlicher ist, dass die grosse Mehrheit der Zehntausenden von Ladenbesitzern, Handwerkern und Bauunternehmern in Palermo weiterhin den «Pizzo» bezahlen. Bis heute haben sich erst rund 1200 Unternehmer und 10 000 Konsumenten «Addiopizzo» angeschlossen. «Die Mafia ist hier seit 150 Jahren präsent und es braucht Zeit, um die Kultur zu verändern», erklärt der Anwalt Caradonna. «Immerhin kommt es mittlerweile zu dreissig Anzeigen im Jahr. Als wir 2005 angefangen hatten, waren es gerade einmal drei gewesen».

Palermo ist aufgeteilt in acht «Mandamenti». Diese Mafia-Bezirke sind in drei bis zehn kleinere Viertel unterteilt sind, die von verschiedenen Familien kontrolliert werden. Kleinere Firmen müssen zweimal im Jahr zwischen 500 und 1500 Euro bezahlen. Baufirmen liefern bei jedem Job drei Prozent der Auftragssumme ab.

Laut Ermittlern spielen Schutzgelder für die Cosa Nostra heute finanziell nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Einnahmen sind zwar ein willkommener Zustupf, mit dem etwa die Familien von verhafteten Fusssoldaten unterstützt werden. Mit Drogenhandel und illegalem Glücksspiel macht die Mafia heute aber sehr viel mehr Geld. «Der Pizzo ist vor allem noch wichtig, weil damit die Kontrolle über ein Territorium markiert wird», erklärt der Caradonna. «Damit schafft es die Mafia an der Basis ein Klima der Angst zu schaffen, das ihr auf höherer Ebene dann ermöglicht, in aller Ruhe ihre Geschäfte zu machen».
Quelle: nzz.ch

 

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