Dieselfahrverbot in Essen: „Dann müssen wir die Lebensmitteltafel dicht machen“

in Politik/Umwelt 564 views

Jörg Sartor gilt nicht erst seit einem zeitweilig verfügten Ausländerstopp im Lebensmittelhilfswerk in der Ruhrmetropole als Mann klarer Worte. Im Interview mit FOCUS Online beschreibt er die dramatischen Folgen für soziale Einrichtungen, sollte die durch die Justiz verfügte Sperre für ältere Diesel-Modelle 2019 tatsächlich kommen. Sein Fazit: „Dann machen wir die Bude zu.“

FOCUS Online: Herr Sartor, das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat für die A 40 und große Teile in Essen Dieselfahrverbote von Juli beziehungsweise September 2019 an verfügt, was bedeutet das für soziale Einrichtungen wie die Lebensmitteltafel in der Stadt ?

Jörg Sartor:Die Sperrung der A 40 betrifft uns nicht so sehr, die könnte man umfahren. Viel schlimmer ist das drohende Fahrverbot für Dieselfahrzeuge der Klasse 4 und 5 in 18 Stadtteilen. Diese liegen vor allen Dingen im Essener Norden sowie in der City. Und in einem dieser Viertel hat die Essener Tafel ihre Zentrale. Das bedeutet dann: Sollten unsere Fahrzeuge keine Ausnahmengenehmigung bekommen, müssen wir die Einrichtung zu machen. Mit der Folge, dass 22 000 bedürftige Menschen keine Lebensmittelhilfen mehr erhalten.

FOCUS Online:Können Sie denn nicht neue Fahrzeuge anschaffen oder auf Dieselnorm 6 umrüsten?

Sartor:Die Tafel in Essen bewegt mit sieben großen Kasten-Transportern täglich gut zehn Tonnen Lebensmittel. Neben den Lebensmittelausgaben beliefern wir 100 soziale Einrichtungen in der Stadt: Schulen, Kindergärten bis hin zu Jugend-, Obdachlosen- und Junkietreffs. Sollte die Diesel-Sperre kommen, erhalten diese Anlaufstellen nichts mehr. Das wäre der Gau, aber bisher hat niemand das Problem erkannt.

„Die Diesel-Modelle der Tafel sind ein bis zwei Jahre alt“

FOCUS Online:Wo hakt es denn konkret?

Sartor:Die Diesel-Modelle der Essener Tafel sind gerade mal ein bis zwei Jahre alt, verfügen auch über die Blue-Tec-Technik, aber entsprechen nicht der 6er Euro-Norm. Für diese Mercedes-Sprinter gibt es bisher keine Nachrüstsysteme. Und für neue Fahrzeuge müsste der Verein mindestens 300.000 Euro aufwenden. Geld, das die Tafel nicht hat. Das heißt für uns: Entweder schließen wir die Bude oder wir fahren weiter und kassieren Bußgelder, bis unser Budget aufgebraucht ist.

FOCUS Online:Mit dem Problem stehen Sie sicherlich nicht allein.

Sartor:Gewiss nicht. Denken Sie an die ganzen Paketdienste, die Handwerksbetriebe, die Speditionen, Kurierdienste bis hin zu Einrichtungen wie „Essen auf Rädern“. Viele von ihnen nutzen ältere Dieselfahrzeuge. Sollen die nun mit dem Öffentlichen Nahverkehr ihre Kunden anfahren ? Das ist doch der Wahnsinn. Noch ein Beispiel: Für die Essener Tafel arbeiten 120 Ehrenamtliche. Viele von ihnen nutzen ebenfalls ältere Diesel-Autos. Sie glauben doch nicht, dass diese Menschen ein neues Auto kaufen, um zu uns zu gelangen. Die hören dann einfach auf.

„Sollte das Verbot kommen, mach ich das nicht mehr“

FOCUS Online:Gilt das auch für Sie selbst?

Sartor:Ja. Ich fahre einen fünf Jahre alten VW-Tiguan. Ein Fahrzeug, mit dem mich der Volkswagenkonzern eindeutig beschissen hat. Letztlich hat sich herausgestellt, dass mein Wagen mit der Betrüger-Abgassoftware ausgestattet ist. Der Staat hat diesen Schwindel geduldet und beim Kauf dieses Autos 9000 Euro Mehrwertsteuer kassiert. Damals galt der Slogan, wer Sprit sparen wollte, holte sich ein Diesel-Fahrzeug. Und jetzt sieht der Staat zu, wie die Städte zunehmend mit Diesel-Fahrverboten überzogen werden. Wenn ich persönlich zum Hauptsitz der Tafel im Essener Wasserturm fahre, brauche ich mit dem Wagen 20 Minuten von zu Hause. Und das mindestens sieben Mal die Woche. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich über eine Stunde. Sollte das Verbot kommen, mach ich das nicht mehr. Dann bleibe ich als Rentner zu Hause und bewache meine Couch.

FOCUS Online:Wer sollte reagieren?

Weiterlesen auf focus.de

Tretet unserer Facebook Gruppe bei, um aktuelle und wichtige Ereignisse und Geschehnisse mitzudiskutieren   
Loading...

1 Comment

  1. Keine Panik!

    >> Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat bereits davon gesprochen, dass es Ausnahmen für Rettungsfahrzeuge oder Gewerbetreibende geben muss. Gerade Handwerksbetriebe sind meistens mit Dieselfahrzeugen unterwegs. Der Verwaltungsaufwand allerdings wäre immens und würde die lokalen Behörden viele Monate, wenn nicht Jahre beschäftigen. <<

    https://www.essen.de/leben/verkehr/fahrverbote_fuer_dieselfahrzeuge_faq.de.html#ausnahmen

    PS:
    Bei 9.000 € Mehrwertsteuer hat der Tiguan vor etwa 5 Jahren ca. 47.000 € gekostet. Nicht schlecht für einen ehemaligen Bergmann, der mit 49 jahren in den Ruhestand gegangen ist.
    Ich will aber den Einsatz dieses Herren aber keineswegs kleinreden!

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*