Die amerikanische und russische Flagge vor der US-Botschaft in Moskau. (Bild: Maxim Shipenkov / EPA)

Eine bizarre russisch-amerikanische Spionagegeschichte gibt Rätsel auf

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Der in Moskau unter Spionageverdacht festgenommene Amerikaner Paul Whelan erfüllt manches Klischee eines schillernden Agentenlebens. Gerade das stimmt einige skeptisch.

Zwischen Moskau und Washington schwelt eine undurchsichtige Spionageaffäre. An Silvester war die Festnahme des 48-jährigen Amerikaners Paul Whelan in Moskau bekanntgeworden, der am 28. Dezember unter dem Verdacht der Spionage im Hotel Metropol im Zentrum der russischen Hauptstadt vom Inlandgeheimdienst FSB in Gewahrsam genommen worden war. Mit der offiziellen Beschuldigung wurde er am 3. Januar konfrontiert; er wurde für vorerst zwei Monate in Untersuchungshaft genommen und sitzt im früheren Moskauer Geheimdienstgefängnis Lefortowo ein.

Vier Staatsbürgerschaften

Übers Wochenende hiess es, die Amerikaner hätten einen Tag nach Whelans Festnahme den Russen Dmitri Makarenko auf der zu den Nördlichen Marianen im Pazifik gehörenden Insel Saipan gefangen genommen. Die Inselgruppe ist Teil der USA. Ihm würden der unerlaubte Export amerikanischer Militärtechnik sowie Geldwäscherei vorgeworfen. Makarenko wurde nach Florida in Untersuchungshaft gebracht. Die beiden Festnahmen haben direkt nichts miteinander zu tun, aber in Russland wurde Makarenkos Verhaftung sofort als mögliche Retourkutsche für die Inhaftierung Whelans interpretiert. Der stellvertretende russische Aussenminister, Sergei Rjabkow, beklagte sich darüber, dass die russischen Behörden nicht direkt über die Festnahme ihres Staatsbürgers informiert worden seien.

Der unter Spionageverdacht festgenommene Amerikaner Paul Whelan (Bild: AP)

Die Geschichte um den Amerikaner Whelan, der auch über die britische, kanadische und irische Staatsbürgerschaft verfügen soll, ist für Aussenstehende nur schwer einzuordnen. Manches aus seinem biografischen Hintergrund, seinen Vorlieben und seinen beruflichen Erfahrungen macht ihn zu einem vor allem in den Augen des russischen Publikums geradezu idealtypischen Spion. Der in Kanada in eine ursprünglich britische Familie geborene Whelan hatte bei den amerikanischen Marineinfanteristen gedient und war im Irak im Einsatz gewesen, allerdings in einer administrativen Funktion. Wie amerikanische Medien berichteten, wurde er unehrenhaft aus der Armee entlassen, nachdem er der Unterschlagung und des Betrugs bezichtigt und vor Militärgericht gestellt worden war. Er arbeitete fortan im Sicherheitsbereich von Unternehmen, derzeit bei einem amerikanischen Automobilzulieferer mit geschäftlichen Beziehungen nach Russland.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst pflegte er in den letzten zehn Jahren und länger eine auffällige Verbundenheit mit Russland. Für einen Amerikaner eher ungewöhnlich, war er seit Jahren auf dem russischen Facebook-Pendant VKontakte mit einem regelmässig erneuerten Profil präsent und kommunizierte darüber offenbar mit zahlreichen russischen Freunden und Bekannten. Nach Auskunft seines Zwillingsbruders, der vor Wochenfrist erstmals mit Angaben zur Person des Festgenommenen in den sozialen Netzwerken aufgetreten war, verfügt er aber nur über rudimentäre Russischkenntnisse. Er besuchte Russland regelmässig, im Dezember angeblich, um an der Hochzeit eines Bekannten in Moskau teilzunehmen, zu der er aber nie erschien, weil er kurz vorher festgenommen worden war.

Wer ist der Zuträger?

Russische Medien mit guten Verbindungen zu den Geheimdiensten beschrieben, wie Whelan über soziale Netzwerke versucht habe, Kontakte zu für ihn wichtigen Russen herzustellen, die er dann bei Besuchen im Land getroffen und nach Möglichkeit abgeschöpft habe. Er habe sich lieber mit männlichen Bekannten zum Biertrinken getroffen, als schönen Russinnen Beachtung zu schenken, heisst es in einem Bericht, der das russische Klischee vom einzig wegen der schönen Frauen an Russland interessierten Westler bemüht. Am 28. Dezember sei er, wenige Minuten nachdem er einen Datenträger mit einer geheimen Liste der Mitarbeiter eines russischen Geheimdienstes bekommen habe, im Hotelzimmer vom FSB festgenommen worden. Von wem Whelan diesen Datenträger erhalten hatte, bleibt offen, obwohl der Bericht suggeriert, dass der FSB die verdächtige Handlung beobachtet hat. Dem Zuträger müsste eigentlich eine Anklage wegen Hochverrats drohen. Experten halten auch die physische Übergabe solch heiklen Datenmaterials für ungewöhnlich.

Jene, die Whelans Unschuld annehmen und ihn eher für naiv halten, vermuten, er habe angesichts seiner Biografie und seines Verhaltens ein leichtes Ziel dargestellt für ein manipulatives Vorgehen der gewieften russischen Sicherheitsbehörden. Sie bringen die Festnahme nicht nur mit früheren Spionagebeschuldigungen, etwa der Verhaftung des amerikanischen Journalisten Nicholas Daniloff 1986, in Verbindung, sondern auch mit dem Fall der russischen Waffenrechtsaktivistin Maria Butina, die sich in den USA der illegalen Agententätigkeit schuldig bekannt hat und deren Fall in Russland für viel Aufsehen sorgt. Eine Verurteilung Whelans mit dem Ziel, ihn gegen Butina auszutauschen, brächte Moskau aber in Erklärungsnot. Russland würde indirekt Verfehlungen Butinas zugeben, die Präsident Putin für erfunden hält.

Quelle: nzz.ch

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