Hochgerüstete US-Armee zeigt sich völlig wehrlos gegen neuen Feind

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Die USA forschen und entwickeln ständig neue Waffen, um sich gegen echte und vermeintliche Feinde zu verteidigen. Doch ein neuer, wahrhaft tödlicher Gegner in den eigenen Reihen scheint unerkannt zu wüten – die Rede ist vom Selbstmord.

Viele Menschen haben sich schon irgendwann einmal gefragt, wie Soldaten in der Lage sind, mit den unsäglichen Schrecken umzugehen, denen sie als Kämpfer auf einem fremden Schlachtfeld, weit weg von zu Hause, begegnen müssen, um sie als Erinnerung für alle Zeit mit nach Hause zu nehmen. Die tragische Realität ist, dass viele US-amerikanische Männer und Frauen ihre Kriegserfahrungen psychisch nie wirklich in den Griff bekommen und sich stattdessen irgendwann dafür entscheiden, mit ihrem Leben – oder auch dem anderer – kurzen Prozess zu machen.

Von 2004 bis 2008 erlebte die US-Armee etwas noch nie Dagewesenes: Die Selbstmordrate bei aktiven und demobilisierten Angehörigen der Truppen stieg um 80 Prozent gegenüber der vorherigen „stabilen“ Periode (1977 bis 2003), so resümiert es ein Forschungsbericht im Journal Mayo Clinic Proceedings. Im Jahr 2012 war die tragische Ironie, dass US-Soldaten eher an Selbstmord starben als durch fremde Feinde. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass der spektakuläre Anstieg der Selbstmorde nicht lange nach dem Beginn von zwei kostspieligen und langwierigen Kriegen begann, einer in Afghanistan und der andere im Irak.

Der Krieg in Afghanistan (2001 bis heute), der den Vietnamkrieg als bisher langwierigste US-Militäroperation in der relativ kurzen Geschichte der USA übertreffen wird, und der Irakkrieg (2003-2011), der als fünftlängste US-Militäroperation aller Zeiten gilt, verursachten eine enorme Zahl von Opfern und Zerstörung, sowohl für das afghanische wie auch für das irakische Volk. Und beide Kriege hinterließen gleichzeitig eine tiefe psychologische Narbe in der US-amerikanischen Psyche – wie auch schon der Vietnamkrieg. Wie der Philosoph Arthur Schopenhauer einmal bemerkte: „Sobald die Schrecken des Lebens den Punkt erreichen, an dem sie die Schrecken des Todes überwiegen, wird ein Mensch sein Leben beenden.“

Für allzu viele US-Amerikaner müssen die „Schrecken des Lebens“ tatsächlich so grässlich erscheinen, da an jedem Tag etwa 20 Veteranen Selbstmord begehen. Diese erstaunliche Zahl macht 18 Prozent aller Toten durch Selbstmord in diesem Land aus, während Veteranen doch nur 8,5 Prozent der Erwachsenen ausmachen. Das scheint ein sehr hoher Preis für diese höchst umstrittenen militärischen Operationen im Nahen Osten und in Zentralasien zu sein. Aber sollte das alles eine Überraschung sein? Schließlich kann nicht einmal die mächtigste Nation der Welt erwarten, dass ihre Bevölkerung nach jahrelanger Kriegsführung noch sehr lange körperlich und geistig gesund bleibt. Irgendwann muss es sich „auszahlen“. Und es scheint, dass der Zeitpunkt bereits gekommen ist.

Erst diese Woche platzierte die gemeinnützige Organisation Iraq and Afghanistan Veterans of America 5.520 amerikanische Flaggen auf der National Mall in Washington, D.C. – nämlich eine für jeden der aktiven Militärangehörigen und derjenigen Veteranen, die bisher allein in diesem Jahr Selbstmord begangen haben.

Wer ist schuld?

Es gibt unzählige Versuche, diese wahrhaftige Explosion an Selbstmorden in den eigenen Reihen zu erklären: Von PTBS (der posttraumatischen Belastungsstörung) über die Komplikationen der Wiedereingliederung in das zivile Leben bis hin zum Umgang mit schweren Schmerzen und Depressionen, die ihrerseits den Griff nach oft süchtig machenden Schmerzmitteln bei Veteranen gefördert haben. Aber vielleicht ist es einfach so, dass diese Tausenden von Kriegsveteranen, von denen viele mehrere Einsätze absolviert haben, einfach nicht mehr in der Lage sind, ein normales, friedliches Leben zu führen.

Im Übrigen mag es wenig überraschen, wen das US-Militär zunehmend für diese „lustigen kleinen Kriege“ im Ausland rekrutiert, an Orten, wo wir nicht hingehören und noch seltener willkommen sind. Ja, Sie haben richtig geraten: rekrutiert wird vorzugsweise jener Teil der Bevölkerung, der umgangssprachlich als „die Armen“ bekannt ist, für die der „amerikanische Traum“ zuhause so unfassbar und unerreichbar ist wie eh und je.

Amy Lutz, Professorin für Soziologie an der Syracuse University, entdeckte, dass die Freiwilligen beim Militär „weiterhin die Arbeiter- und Mittelschicht repräsentieren, mit wenig Reiz für die Oberschicht, sich daran zu beteiligen“.

Das wirft also die Frage auf: Werden die Unterprivilegierten und Marginalisierten als billiges Kanonenfutter in diesen Kriegen im Ausland benutzt, für die ihnen die politische Elite anschließend, nach ihrer Rückkehr, die notwendige medizinische und psychologische Versorgung verweigert?

Tut die US-Regierung genug, um diesen Veteranen in einer zumindest seelischen Notlage bei der Bewältigung ihrer unzähligen Probleme zu helfen, von denen viele psychische Störungen der schlimmsten Art sind?

Das ist keine leere Frage mehr angesichts von Amerikas unstillbarem Appetit auf Krieg und Zerstörung. Tatsächlich lebte unsere kampflustige Nation seit der Gründung im Jahr 1776 nur 21 Jahre in Frieden. Daher wäre es doch naheliegend, dass es eine Art permanenter Gesundheitsvorsorge für Veteranen geben sollte, die offenbar dringend benötigt wird. Die Tragik an dieser Lektion ist, dass sie die Vereinigten Staaten vielleicht viel zu spät gelernt haben.

Damals im Jahr 2007, als US-amerikanische Truppen bereits lange tief in unwirtlichen Gegenden wie im Irak und in Afghanistan steckten und die USA weltweit etwa 900 Militärbasen betrieben, tat der damalige Präsident George W. Bush etwas schier Unglaubliches. Er kündigte an, dass die Regierung in zwei Jahren eine erhebliche Ausgabenkürzung für die Gesundheitsversorgung von Veteranen vornehmen werde, also für den Zeitraum 2009-2010, bei totalem Einfrieren bis 2011.

Mit anderen Worten, gerade in dieser entscheidenden Phase der Rückkehr von Veteranen, von denen viele als körperliche oder seelische Krüppel teure Behandlungen gebraucht hätten. Zweifellos hätte die Bush-Administration wissen können und müssen, wie die Military Times berichtete, dass „Veteranen, die regelmäßigen Kontakt mit VA-Gesundheitsdiensten haben, weniger wahrscheinlich Selbstmord begehen, als die mit wenig oder keinen Interaktionen“.

Es verdient erwähnt zu werden, dass die derzeitige Trump-Administration die Schwere des Problems mit dem Scheitern der Gesundheitsversorgung für Veteranen zu begreifen scheint, einer Katastrophe, die unter Bush begann und unter Obama sogar noch schlimmer wurde. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der US-Soldat buchstäblich sein eigener schlimmster Feind wurde.

Im vergangenen Monat unterzeichnete Trump ein Gesetz, das dem überlasteten US-Ministerium für Kriegsveteranen eine dringend benötigte Erhöhung des Budgets um mehr als sechs Prozent zusichert. Aber für Tausende US-Soldaten, Männer und Frauen, kommen die zusätzlichen Mittel zu spät.

Und es ist festzustellen, dass das Umsichwerfen mit Geld nur helfen wird, den Selbstmord in den eigenen Reihen anzugehen. Die wirkliche Antwort wäre, dass man seinen Bürgern nie erlauben sollte, als Krieger fremde Länder zu plündern und lebenslang davon gezeichnet zu sein. Dann gäbe es keinen Grund mehr, traumatisierte Veteranen versorgen zu müssen, die nie mehr in der Lage sein werden, friedlich im eigenen Land zu Hause zu leben, für das sie ihr Leben riskiert haben, um es zu „verteidigen“.

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