Mein Europa: Rumänien verjagt uns von Zuhause

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Ihre Mutter und ihre besten Freunde arbeiten im Ausland, wie Millionen andere Rumänen. Die Schriftstellerin Lavinia Braniște hat früher auch an Emigration gedacht, heute wünscht sie sich aber, trotz allem zu bleiben.

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Vor einiger Zeit habe ich mich für einen Deutschkurs im Schiller-Haus in Bukarest angemeldet. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele wir in meiner Gruppe waren, ich denke, kaum mehr als zehn – die Hälfte davon Medizinstudenten, die ihre Hausaufgaben mit einem Eifer erledigten, durch den ich mich alt fühlte. Sie wollten nach ihren Abschlussprüfungen sofort nach Deutschland.

Als ich im Januar nach Bonn reiste, saß im Flugzeug ein junger Mann neben mir, der ein dickes Buch über Neurochirurgie auf Rumänisch las. Das war wohl keine Unterhaltungslektüre, das schwere Buch schien die Obergrenze für Handgepäck erreicht zu haben. Es hat sich kein Gespräch zwischen uns entwickelt, ich weiß nicht, wieso er das las, aber ich ahne, aus welcher Richtung wohl auch diese Geschichte kommen könnte.

Der einzige Kollege aus meiner ehemaligen Klasse, der Medizin studiert hat, ist jetzt in Deutschland. Die anderen beiden Lieblingsziele Tausender Ärzte, die jedes Jahr Rumänien verlassen, sind Frankreich und Großbritannien.

Ich betrachte die Lage aus einer gewissen Distanz, das alles beeinträchtigt mich nicht direkt, weil ich noch jung bin und mir nichts weh tut. Aber es beeinträchtigt beispielsweise meine Mutter, die ihrerseits seit 17 Jahren in Spanien arbeitet. Bald geht sie in Rente und der Gedanke macht ihr Angst, nach Rumänien zurückzugehen, wo das Alter demütigend ist. Und wenn sie das sagt, denkt sie in erster Linie an die ärztliche Betreuung, diesen neuralgischen Punkt im Rumänien der letzten 30 Jahre.

Drei Generationen unter Schock, als meine Mutter nach Spanien ging

Die jungen Menschen im Deutschkurs waren etwa so alt wie ich, als meine Mutter aus Rumänien weggegangen ist. Es war mein zweites Jahr an der Universität. Ich glaube, deshalb habe ich mich nie als ein zurückgelassenes Kind gesehen, ich war schon eine Erwachsene, und dennoch spürten drei Generationen den Schock dieser Trennung: die Eltern meiner Mutter, meine Mutter selbst, und ihre Tochter, also ich. Es war besonders aufwühlend, weil sie nicht in einer globalen Kultur aufgewachsen war, und die dreitägige Busfahrt nach Spanien war die allererste Auslandsreise ihres Lebens.

Das Seltsame ist: Ich bin diejenige, die mit dem Zauber des Westens aufgewachsen ist. 1990 wurde ich eingeschult, 2002 begann ich mit dem Studium. Ich erinnere mich, dass ich gegen Ende der Schulzeit das Gefühl hatte, das Beste, was uns passieren könnte, wäre ein Stipendium für eine Universität im Ausland, um wegzugehen, um uns zu retten. Einige von uns, die sehr, sehr Guten, haben das geschafft. Aber für das Stipendium brauchte man eine Goldmedaille bei einer internationalen Schüler-Olympiade. Wer weder eine Medaille hatte noch die finanzielle Unterstützung einer reichen Familie, ging direkt nach der Uni ins Ausland. Diese Kollegen haben zuerst in unqualifizierten Jobs gearbeitet und sind nach sehr vielen Jahren stolze Staatsbürger anderer Länder geworden.

Rumänien entvölkert sich vor unseren Augen

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Natürlich verlassen nicht nur die Ärzte das Land, sondern Menschen aus allen Bereichen, mit Qualifikationen oder ohne, aus allen Altersgruppen. Ich kenne Sechzigjährige, die ins Ausland gegangen sind, um in der Nähe ihrer Kinder zu sein. Rumänien entvölkert sich vor unseren Augen und die Regierenden wissen gar nicht, wie sie das Problem anpacken sollen.

Spanien akzeptiert keine doppelte Staatsbürgerschaft, und meine Mutter möchte, selbst nach so langer Zeit, ihre rumänische Staatsbürgerschaft trotzdem nicht aufgeben.

Jedes Mal wenn ich meine Mutter in Spanien besuche, überrascht es mich, wie schnell der Reisebus den Flughafen verlässt und auf die Autobahn rast. Danach werde ich traurig – was für eine Reaktion beim Anblick einer Autobahn… Wenn der lange Gelenkbus, gefüllt mit Rollkoffern, die auf ihren Rädchen nach unten rutschen, die Spur wechselt und summend unter den Brücken durchfährt. “Cowboy stuff”. Das sind unsere Bedürfnisse und Wünsche in Rumänien: Autobahnen. Saubere Toiletten. Toiletten. Es sind die Dinge, die am einfachsten zu erreichen sind, und sie werden (falls es dazu kommt) die sichtbarsten Errungenschaften sein. Wie beim Erlernen einer Fremdsprache: Die spektakulärsten Fortschritte gibt es am Anfang, wenn man die Grundbegriffe sortiert. Später, in einem fortgeschrittenen Stadium, begegnet man den Feinheiten, und von Außen betrachtet geht es langsamer voran.

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Die quälende Frage: Und, wann gehst du?

Die Menschen verlassen Rumänien für all das, wofür die Metapher der Autobahn jetzt steht. Meine besten Freunde sind vor einigen Jahren gegangen, in einer relativ kurzen Zeitspanne, einer nach dem anderen. Damals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, welches vor Wut kochte: Rumänien verjagt uns von Zuhause. Ich hatte es noch nicht so empfunden, als meine Mutter ins Ausland gegangen ist, vielleicht, weil ich noch zu jung war und das Ausmaß dieses Phänomens noch nicht kannte. Damals habe ich es eher als ihre individuelle verzweifelte Entscheidung gesehen.

Erst als Berufstätige merkte ich, dass wir einen Vertrag haben mit dem Land, in dem wir wohnen. Vor allem, als ich begann, selbstständig zu arbeiten, Steuererklärungen auszufüllen und genau zu sehen, welche Abgaben ich an den rumänischen Staat zahle – für Leistungen, die fast inexistent sind.

Dafür gehen die Menschen ins Ausland – für einen besseren Vertrag mit dem Land, in dem sie wohnen. Für jene, die geblieben sind, bleibt – zumindest in meiner Generation – die quälende Frage: Und, wann gehst du? Oder: Wieso bist du noch hier?

Zwar begleitete mich der Zauber des Westens durch die Schulzeit, in jenen 1990er Jahren, in denen wir Kinder uns an einer Farbexplosion freuten, während unsere Eltern mit der schwierigen Übergangszeit kämpften. Doch nach einiger Zeit im Ausland und einem gescheiterten Emigrationsversuch wünsche ich mir jetzt am meisten, die Kraft zu haben, Zuhause zu bleiben. Mich nicht verjagen zu lassen. Und es ist mir unmöglich, zu erklären, warum. Ich bin mir sicher, welchen Kampf ich jetzt, mit 36, führe: nicht wegzugehen.

Quelle: dw.com

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