Die Ruinen von Verdun im Jahr 1916. dpa/dpa

Historiker sicher: Frankreich drängte Deutschland in den Krieg – aus Rache

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Trägt Frankreich eine größere Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges als bisher angenommen? Der Würzburger Historiker Rainer F. Schmidt ist sich sicher: Paris heizte im Sommer 1914 die Situation bewusst an, um Berlin zum Krieg zu drängen. Dafür hatte es zwei Gründe.

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Als der deutsche Schriftsteller und Publizist Emil Ludwig 1929 sein Buch „Juli 14“ veröffentlichte, wehte ihm ein scharfer Gegenwind ins Gesicht. Ludwig, damals neben Thomas Mann der erfolgreichste deutsche Schriftsteller weltweit, war bei Konservativen und Nationalisten als Vorkämpfer für Republik und Rechtsstaat verhasst. In „Juli 14“, das zu den meistverkauften Büchern der Jahre 1925 bis 1930 zählte und auch international Beachtung fand, beschrieb er in teils geradezu romanhafter Form, aber aufgrund der damals vorliegen Akten und Memoiren, das Ringen der Mächte in jenen schicksalhaften Tagen, die dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unmittelbar vorangingen.

Seine Thesen erinnern an diejenigen, die der Historiker Christopher Clark in seinem berühmten Buch „Die Schlafwandler“ vor wenigen Jahren vertrat: dass eigentlich so recht kein Staatsmann den Krieg gewollt, aber durchaus die Entwicklung so lange vorangetrieben habe, bis sie nicht mehr zu stoppen war. Man sei in das große Gemetzel von 1914 bis 1918 hineingeschliddert wie die Schlafwandler.

Poincaré wollte Revanche üben

Zu den Aktiven, die die Sache stärker vorantrieben als andere, gehörte in den Augen Ludwigs der französische Präsident Raymond Poincaré. In Lothringen, das Frankreich nach der Kriegsniederlage von 1870/71 an Deutschland hatte abtreten müssen geboren und beseelt von dem Gedanken anRevanche und Rückeroberung,war Poincaré 1912 zum französischen Ministerpräsidenten und 1913 zum Staatspräsidenten aufgestiegen.

Poincaré habe seit 30 Jahren daran gearbeitet, Revanche zu üben, dafür habe er auch bewusst die Annäherung an Russland betrieben. Allerdings habe er gewusst, dass es unmöglich sei, sein Volk in einen Krieg zu treiben, so schrieb Ludwig 1929.

Ludwigs These erlebt gerade eine Wiedergeburt

„Gab aber der Erbfeind aus Leichtsinn einen Anlass und fing an, oder konnte man auch nur den Schein davon beweisen: wunderbares Geschick, in solcher Stunde Führer der Franzosen zu sein!“, schrieb Ludwig über Poincarés Denkweise.  Dieser habe im Juli 1914 einer Jungfrau geglichen, „die der   glühende Wunschtraumerfüllt, überfallen zu werden. Sonst freilich war er nicht eben unschuldig. Denn er gehörte zu jenen wenigen Mächtigen, die die im französischen Volk erlöschende Flamme der Revanche im eigenen Busennährten“.

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Ludwig ist heute zu Unrecht völlig aus dem Gedächtnis verschwunden. Aber seine These von der Mitschuld Poincarés erlebt gerade eine Wiedergeburt. Der Würzburger Historiker Rainer F. Schmidt hat in einem aufsehenerregenden Artikel in der renommierten „Historischen Zeitschrift“, dem Zentralorgan der deutschen Historikerzunft, einen Aufsatz geschrieben, der genau zu dem Schluss kommt – dass Frankreich und Poincaré „einen ganz wesentlichen Teil der Verantwortung für den Kriegsausbruch“ tragen

Frankreich provozierte Russland im eigenen Interesse zu einer schärferen Politik

Schmidt kann natürlich seine These heute auf eine viel stärkere Quellenbasis stellen als Ludwig vor fast 90 Jahren und sie dadurch erheblich detaillierter vortragen. Kurz zusammengefasst lautet sie etwa so: Frankreich provozierte Russland zu einem scharfen Vorgehen gegenüber Österreich-Ungarnin seinem Ringen mit Serbien, nachdem ein serbischerAttentäter den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 erschossen hatte.

Poincaré hoffte darauf, dass Wien in diesem Prestigekampf nicht nachgeben würde und dass Deutschland seinen einzigen Verbündeten unterstützen müsste, um nicht das Gesicht zu verlieren.

Da sich zugleich die militärische Ausgangslage für einen Krieg zusehends zuungunsten Deutschlands veränderte, werde Berlindie Initiative ergreifen und schließlich   gegen seine Gegner zu den Waffen greifen. Eine wichtige Säule dieses Plans war, dass das Deutsche Reich als Aggressor auftreten musste und Paris seine Hände in Unschuld waschen konnte. Denn nur in diesem Fall würde England an der Seite Frankreichs und Russlands gegen das Reich in den Krieg ziehen. Das aber war eine unabdingbare Voraussetzung für den militärischen Sieg.

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